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Soziales, Gesellschaft und Politik Lieber tot als Pflegeheim
13.10.2008 von Sandy-x



Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nahmen sich im vergangenen Jahr 9.402 Menschen das Leben. Davon waren 3.993 über 60 Jahre alt. Damit liegt ihr Anteil an den Selbstmorden bei 42 Prozent. Während die Gesamtzahl in den letzten Jahren gesunken ist – auf die Hälfte des Jahres 1980 – steigt sie bei den Alten an. Dabei handelt es sich nur um die gesicherten Mindestzahlen, die Dunkelziffer wird weit aus höher eingeschätzt.

Hauptgrund ist die Angst vor einem unwürdigen Lebensabend. Diese Angst ist zweierlei Ursprungs, welche jedoch zumeist sehr nah beieinander liegen.
Es ist zum einen die Angst vor Menschenunwürdigen Zuständen in Alten- und Pflegeheimen und die Angst vor der sich immer breiter machenden Altersarmut.

Inge I. ist 84 Jahre alt geworden. „So alt wie Methusalem“, sagt sie. Deshalb hat sie sich umgebracht. Das war in den ersten Oktobertagen, dabei geholfen hat ihr Roger Kusch. Kusch, der früher Hamburger Justizsenator war, hat das Gespräch über die Gründe für ihren Selbstmord aufgezeichnet und das Video ins Netz gestellt. Putzmunter sieht man die Rentnerin da auf ihrer Couch sitzen, mit verschränkten Armen plaudert sie über den Tod. Sie ist bester Laune. „Wissen Sie, was ich mir wünsche?“ strahlt sie Kusch an, er sitzt an ihrer Seite. Kusch nickt voller Verständnis. Inge I. will ruhig einschlafen, sie will selbst bestimmen, wann sie stirbt. Totale Hilflosigkeit will die alte Frau nicht erleben.
Roger Kusch leistet im Grunde nicht Sterbehilfe in dem Sinn, weil die Betroffenen nicht im Sterben liegen, sie sind nur alt. Vielmehr ist es Hilfe zum präventiven Selbstmord.

Viele ältere Personen können sich nicht vorstellen wie das Pflegepersonal mit der ihm eigenen Autorität auf sie einwirken würde. Viele haben Angst ihren Rechten beraubt zu werden insbesondere dem Selbstbestimmungsrecht. Was im Grunde verständlich ist, wenn man bedenkt dass es mindestens eine gewisse Heimordnung zu beachten gilt und insofern sicher keiner mehr ganz so frei lebt wie bisher in seiner Privatwohnung. Obschon es sich dabei sicher um Regeln handelt die in einer funktionierenden Gemeinschaft nötig sind. Man darf auch nicht vergessen, dass das Heimpersonal eine Verantwortung für die Alten übernimmt. Sie sind letztlich für deren körperliche Unversehrtheit mitverantwortlich und haben schon allein deswegen gewisse Einschränkungen zu setzen. So dass ein Erwachsener Mensch eben nicht erst um 3 Uhr Nachts heim kommen kann oder einfach ohne bescheid zu geben am Wochenende bei Verwandten nächtigt. Aber allein das kann für manche schon Einschränkung zu viel sein. Hat man doch 60,70 Jahre seines Lebens gut ohne fremde Hilfe hinter sich gebracht und wird neuerdings behandelt wie ein kleines Kind.

Hinzu treten Berichte über Pflegeheime in denen zuwenig Personal für zu viele Alte Leute abgestellt werden, so dass der Zeitdruck des Personals bereits keine optimale Pflege zulässt. Schon gar nicht rein an die individuellen Bedürfnisse angepasst. Abfertigung im Akkord sind die Folge und der Mensch hinter dem zu Pflegenden geht zum Teil ganz verloren.

Pflegeheime mit einem höheren Standard, zum Teil privatisierte Heime, kosten mehr. Das ist die Stelle an der der zweite Grund für die Angst greift. Die steigende Altersarmut ermöglicht es vielen nicht sich einen besseren Heimplatz, bspw. im Modell betreutes Wohnen, zu verschaffen.

Altersarmut ist aber nicht nur ein Problem in Hinsicht auf die Sicherung eines guten Pflegeplatzes. Immer häufiger müssen alte Menschen ihr bisheriges Leben aufgeben weil sie es sich nicht mehr leisten können. Es ist keine Seltenheit, dass Alte in Heime kommen weil sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können. Das Haus ist zu groß geworden für einen allein und oft auch zu teuer. Der Alte wird dann seiner gewohnten Umgebung genau dann beraubt wenn er sie am nötigsten braucht. Wer möchte nicht seinen Lebensabend genau dort verbringen wo vielleicht seine Wiege Stand bzw. sein Lebensmittelpunkt zuhause ist.

Angehörige schieben Ihre Alten häufig ab und veräußern Hab und Gut der Person um den Heimplatz zu bezahlen. Nicht selten hört man von Fällen bei denen sich der ältere Mensch darauf freut wieder heim zu kehren sobald es ihm besser geht. Dass es kein Zuhause mehr gibt, manchmal nicht einmal mehr die Fotoalben und andere schöne Erinnerungen wissen sie zumeist nicht.

Wenn man bedenkt, dass es die Alten sind welche einen nicht minder großen Beitrag für unsere Gesellschaft geleistet haben ist es mehr als nur traurig dass diese Gesellschaft scheinbar nicht in der Lage ist etwas zurück zu leisten.

Christine Swientek, Sozialwissenschaftlerin aus Hannover beschäftigt sich schon seit Jahren mit der Lebenssituation alter Menschen und beschreibt die Situation unsere Gesellschaft wie folgt.
Dass sich jährlich Tausende von alten Menschen umbringen, ist einer der größten Skandale dieser Gesellschaft. Die Alten werden in den Tod getrieben.

Claus Fussek, Pflegekritiker aus München meint: „Sie (die Alten) sind zu einem vorzeitigen Sterben doch nur bereit, weil man ihnen keine lebenswerten Perspektiven anbietet.“
Zur Sterbehilfe (besser Sterbebegleitung) die Roger Kusch leistet meint Fussek, das im Grunde die Diskussion um die Pflege doch eine Aufforderung zum kollektiven Selbstmord sei. „Eine Gesellschaft, die ihren Alten keine Garantie gibt, die letzten Jahre in Würde zu verbringen, hat nicht das Recht, sich über einen Roger Kusch aufzuregen.“



Homepage Robert Kusch: http://www.suizidbegleitung.de/




Es gibt auch andere Videos mit eindeutiger Negativwertung im Bezug auf Robert Kusch's Tätigkeit:



Meine Meinung dazu:

Ganz ehrlich find ich das ganz schön überzogen.
Ich weiß nicht welcher Motivation ein Robert Kusch folgt. Aber mit Mio.fachem Tod wie im Nationalsozialismus hat das was er tut sicher nichts zu tun.
Ich bin sogar sehr sicher, dass er für manche ein Engel ist, aber wohl nicht der Todesengel. Ich hab's nicht so mit Engeln weil ich nicht gläubig bin. Aber wenn ein Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte beschließt lieber tot als lebendig zu sein, dann haben wir das zu respektieren.



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